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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) in Baden-Württemberg


Foto: G. Stephan

Bestandsstatus: unklar
Bestandstrend: unklar
Gewicht: 4 -10 kg
Kopf- Rumpf-Länge: 52 - 60 cm
Anzahl Junge: 3 - 10 (Mittel 6)
Paarungszeit: Ende Februar - Anfang April
Setzzeit: Mitte April - Anfang Juni
Lebensweise: nachtaktiv, lebt meist einzelgängerisch, hält Winterruhe, legt Latrinen an wie der Dachs
Lebensraum: gewässerreiche Gebiete, Flußauen, Seen, künstliche Teichanlagen
Nahrung: Allesfresser, hoher Pflanzenanteil, aber auch Fische, Amphibien, Reptilien, Insekten, Eier, Aas, Abfälle

 

Der Marderhund oder Enok gehört zur Familie der Hundeartigen und stammt ursprünglich aus Ostasien. Als Pelztier wurde er in den 1930er Jahren im europäischen Teil der UdSSR ausgesetzt. Von dort breitete er sich rasch nach Westen aus und besiedelte Osteuropa. In Ostdeutschland tauchte der Enok zum ersten Mal Anfang der sechziger Jahre auf. In Baden-Württemberg wurden erste Beobachtungen Anfang der 1970er Jahre gemacht, während durch Funde abgesicherte Belege seit 1984 vorliegen. Der Marderhund unterliegt in Baden-Württemberg seit 1996 dem Jagdrecht. Der Einwanderer ist bei uns im Südwesten ein seltenes Tier. Landesweit kommen jährlich nur einzelne Marderhunde (0 - 10) zur Strecke. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt in Ostdeutschland. Etwa 95% der gesamten Marderhundstrecke fallen allein auf Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die bundesweite Marderhundstrecke hat sich von 1995 - 1998 fast verzehnfacht (von 398 auf 3.250 Tiere), was auf eine deutliche Bestandessteigerung schließen lässt.

 

Vergleich der Gestalt und Körperhaltung von Waschbär (links) und Marderhund (rechts)

Der Marderhund kann leicht mit einer ebenfalls bei uns eingebürgerten Art, dem aus Nordamerika stammenden Waschbär verwechselt werden. Beide Arten sind gleich groß, haben eine ähnliche Fellfärbung (meist graumeliert) und verfügen über eine charakteristische Gesichtsmaske. Typisch für den Enok ist der Backenbart, der sein Gesicht vor allem im Winter recht breit erscheinen lässt. Im Unterschied zum Waschbären ist der Marderhund zwischen den Augen meist hell gefärbt (beim Waschbären durchgehend dunkle Maske) und der Schwanz des Marderhundes ist nicht geringelt. Allerdings sind diese Merkmale in der Natur fließend ausgeprägt. So ist bei dunklen Färbungsvarianten des Waschbärs die Ringelung des Schwanzes kaum zu erkennen und es gibt Farbschläge beim Marderhund, die auch zwischen den Augen dunkel gefärbt sind. Außerdem sind diese Merkmale bei schlechtem Licht (beide Arten sind dämmerungs- und nachtaktiv) häufig nicht zu erkennen. Am sichersten sind beide Arten auch in der Dämmerung anhand ihrer Bewegungsweise zu unterscheiden. Während sich der Marderhund als Zehenspitzengänger wie ein Hund mit geradem Rücken und leicht federnden Schritten bewegt, kommt der Waschbär als Sohlengänger mit schwerfällig wirkendem Gang und einem "Buckel" daher.

Der Marderhund ist nachtaktiv und ernährt sich omnivor (Allesfresser). Bei der Nahrungssuche ist er weniger ein aktiver Jäger als ein Sammler - ein Unterschied zum Rotfuchs, mit dem er oft verglichen wird. Anders als der Waschbär ist der Marderhund kein Kletterer. Er sucht seine Nahrung am Boden und gleicht in seinen Nahrungsgewohnheiten am ehesten dem Dachs. Noch etwas haben beide gemein, denn wie der Dachs hält der Marderhund in kalten Regionen Winterruhe. Der Marderhund nutzt Fuchs- und vor allem Dachsbaue und legt selbst selten Baue an. Die Nahrungsgewohnheiten des Marderhundes überlappen sich mit jenen der heimischen Arten Rotfuchs und Dachs. Obwohl oft diskutiert, konnte bei den nebeneinander (sympatrisch) vorkommenden Raubsäugern keine Verdrängungskonkurrenz festgestellt werden. In der Habitatwahl ähnelt der Marderhund dem Waschbär. Der Marderhund gilt als Vektor der Tollwut, der Räude und des Kleinen Fuchsbandwurms.

In Deutschland hat der Marderhund seinen Verbreitungsschwerpunkt in Ostdeutschland, besonders in Mecklenburg-Vorpommern (Jagdstrecke 14/15: 7.797) und Brandenburg (Jagdstrecke 14/15: 6.628). In den letzten Jahren strahlt die Art aber vermehrt in die umliegenden Bundesländer aus. In Baden-Württemberg wurde der Marderhund zum ersten Mal 1970 nachgewiesen. Die Erlegungszahlen sind noch gering. In den vergangenen zehn Jahren wurden 58 Tiere für die Streckenstatistik gemeldet, davon wurden 47 erlegt und 11 überfahren. Die FE Abfrage von 2015 zeigt im Vergleich mit jener von 2006 einen Zuwachs der gemeldeten Gemeinden mit Marderhundpräsenz von 114%. Insgesamt wurden aus 13% der Gemeinden Baden-Württembergs Marderhunde gemeldet.

Es fällt auf, dass die Zahl der den Marderhund positiv bestätigenden Reviere im Kontrast zu einer sehr geringen Strecke von gerade 6 erlegten Tieren im JJ 14/15 steht. Es besteht daher der begründete Verdacht, dass es sich bei einigen Meldungen um Verwechslungen mit anderen Säugern (möglicherweise Waschbären) handelt. Gerade der Marderhund kommt meist erst bei schwindendem Büchsenlicht in Anblick, was ein genaues Ansprechen oft erschwert.

GRAFIKEN MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON FRANZ MÜLLER

ARNOLD, J M, GREISER, G, KAMPMANN, S & MARTIN, I, 2015: Status und Entwicklung ausgewählter Wildtierarten in Deutschland. Jahresbericht WILD, DJV.
Deutscher Jagdverband e.V. 2016: DJV-Handbuch Jagd. DJV-Service GmbH, Bonn.
KAUHALLA, K & KOWALCZYK, R 2011: Invasion of the raccoon dog Nyctereutes  procyonoides in Europe: History of colonization, features behind its success and threats to native fauna. Current Zoology, Vol. 57, No.5, pp. 584-598.
HELLE, E, KAUHALA, K, 1995: Reproduction of the Raccoon Dog in Finland. Journal of Mammalogy, Vol.76, No.4, pp. 1036-1046



     Zur Entwicklung der Jagdstrecke und zur Verbreitung siehe Jagdbericht Baden-Württemberg

Siehe auch:   WFS-Mitteilung 4/1997: Der Marderhund (102 KB)

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